Großvaters
Haus
Menschen
sind wie Uhren
Das Klingen der Schulglocke hallte durch das Viertel, Kinderrufe wurden
laut. Sarah schritt aus der Schule, gemeinsam mit ihren Freundinnen.
Es war ein angenehmer Tag, die Sonne schien warm und kühle Winde
wehten sanft durch die Luft.
Sarah liebte das Sommerwetter. Gerade
verließ sie das Schulgelände als ein Ruf von hinten drang.
„Sarah,
nun warte doch mal“.
Sie
wand sich um und sah Paul auf sich zulaufen. Er blieb vor ihr stehen
und blickte sie freundlich an: „Sag mal hast du Lust dich mit mir
zu verabreden? Wir könnten ja schwimmen gehen, oder du kommst mich
besuchen oder ich dich“.
Sarah
schüttelte nur schnell mit den Kopf: „Ich hab heute keine Zeit“,
dann wand sie sich um, lies Paul am Tor zurück und ging auf ihren
Großvater zu, der bereits auf sie wartete.
„Na kleine
Prinzessin, einen schönen Tag gehabt?“, fragte Großvater und nahm
ihr den Ranzen ab.
„Ja,
wir haben heute keine Hausaufgaben auf bekommen“, antwortete
Sarah.
„Das ist ja schön! Komm, gehen wir“.
Großvater
nahm sie an die Hand, dann gingen sie los.
Wenig später
saßen sie beim Essen, es gab Spagetti mit Tomatensoße. Wie immer
saute sich Sarah dabei im ganzen Gesicht ein. Großvater lächelte
dann immer. Nicht umsonst gab er ihr immer ein Tuch beim essen.
Bei
solch guten Wetter saßen sie immer auf der Veranda, im Halbschatten
der großen Buchen, die verteilt im Garten standen. Mira, Großvaters
Hund, lag dabei immer unter dem Tisch, wenn er nicht gerade auf der
großen Wiese im großen Garten herumtollte.
„Du Sarah, wer war
eigentlich dieser scharmante Junge?“, fragte sie Großvater. Dabei
blieben Sarah fast ein paar Nudeln im Halse stecken.
Sie
trank schnell einen Schluck: „Das war Paul, der ist in meiner
Klasse“.
„So
so,“ antwortete ihr Großvater: „Und was wollte er von dir?“
„Nichts“.
„Nichts?“.
„Na
er hat mich gefragt ob ich Lust hätte mich mit ihm zu treffen.“
Großvater
lächelte, seine kleine Prinzessin durch die Brillengläser
beobachtend.
„Und, wann trefft ihr euch?“
„Gar
nicht.“
„Na
so was, warum bitte nicht? Er sieht doch ganz nett aus.“
„Weil
ich ihn nicht mag“.
Da stutzte Großvater: „Und warum nicht?
Ist er nicht nett zu dir?“
„Doch schon“, drückte sich
Sarah, dann platzte es aus ihr heraus: „Ich mag ihn halt nicht. Er
ist pummelig und sein lachen klingt so komisch. Sandra mag ihn auch
nicht deswegen.“
Da schüttelte Großvater nur den Kopf. „Komm
mit Prinzessin, ich werde dir was zeigen“.
Großvater
nahm Sarah an die Hand und ging mit ihr in einen Raum des Hauses.
Sarah kannte den Raum zu gut, sie nannte ihn immer das tickende
Zimmer.
Schon bevor man die Türe erreichte hörte man das laute
Ticken. Denn in diesem Zimmer bewahrte ihr Großvater all seine Uhren
auf, die er sein ganzes Leben hat gesammelt.
Große Pendeluhren,
Wanduhren in jeglicher Form und Größe, Taschenuhren, Armbanduhren.
Schon seit sie denken kann war Sarah davon fasziniert. Als sie noch
viel kleiner gewesen war, hatte sie hier immer ihr Mittagsschläfchen gehalten. Die Uhren hatten sie schon immer zum einschlafen
gebracht.
„Was willst du mir denn zeigen, Opa?“, fragte Sarah
neugierig.
Ihr Großvater kramte in einer Schublade, dann holte
er eine alte Taschenuhr hervor. Das sie alt war, war nicht zu
übersehen. Das Ziffernblatt hatte hier und da Kratzer. Der dunkle
Lack, der einst die Hülle überdeckte, platzte an vielen Stellen ab.
Dann
holte er noch eine zweite hervor, es war eine digitale Uhr, die
silbrig glänzte.
Großvater
zeigte ihr die Uhren: „Was glaubst du, welche von ihnen ist
wertvoller?“
Die
Frage war zu leicht, dachte Sarah und zeigte auf die alte Taschenuhr:
„Die da nicht. Die ist doch Schrott, das sieht man doch!“
Großvater
lächelte: „Von Außen mag sie nicht mehr wie neu zu sein, da gebe
ich dir Recht. Sie hat in der Tat schon bessere Tage erlebt. Aber was
würdest du denken, wenn ich dir sagen würde, dass sie dennoch
unglaublich wertvoll ist“.
Sarah
schüttelte mit den Kopf: „Du sollst nicht lügen, Opa!“
Großvater drehte die Uhr um, nahm ein Messer und hebelte
vorsichtig die Rückseite der Hülle auf. Silbernes Metall lag
darunter. Wieder zeigte er sie seiner Prinzessin.
„Na
okay, vielleicht ist sie von Innen nicht kaputt, aber schön ist sie
dennoch nicht.“, bemerkte Sarah.
Da
nahm ihr Großvater noch einmal das Messer und hebelte auch die
Rückseite der Uhr auf. Er zeigte sie erneut und Sarah staunte auf.
Im Inneren der Uhr, da blitzte jedes Zahnrad in goldenen,
funkelnden Farben. Selbst in den kleinsten Teilen waren Ahornblätter
und zweige geschnitzt worden und überall fand man geschnörkelte
Teile wieder.
„Und sie funktioniert noch wie am ersten Tag“,
sagte ihr Großvater, dann ging er in die Knie, um auf Sarahs Größe
zu kommen.
„Schau mal, auch wenn die Uhr von Außen kaputt
erscheint, so kommt es nur darauf an, was in ihr steckt.“
Nun
nahm er die digitale Uhr hervor: „Hier drinnen ist nichts als
Kunststoff und Kleber. Sie ist schon vor langer Zeit stehen
geblieben. Diese hier jedoch..“, er zeigte auf die ältere
Taschenuhr: „Schlägt unermüdlich weiter, Tag für Tag, Stunde für
Stunde, Minute für Minute. Verstehst du, was ich dir sagen
möchte?“
Sarah überlegte: „Aber mit der alten Uhr lachen
mich doch alle aus.“
„Mag sein, aber dafür bist du mit ihr
immer zufrieden und pünktlich. Die Uhr bleibt dir Treu. Was ist dir
wichtiger, dass die anderen Kinder deine Uhr bestaunen, oder dass sie
funktioniert?“
„Na das sie funktioniert!“.
Sarah
betrachtete die Uhr noch einmal: „Eigentlich ist sie sogar voll
schön“.
Großvater lächelte: „Na siehst du mal! Und weißt
du, genauso ist es mit Menschen“.
Sarah
lachte: „Menschen zeigen mir doch nicht die Uhrzeit!“
„Mag
sein, aber auch bei ihnen kommt es nicht darauf an, wie sie aussehen.
Für sein Aussehen kann niemand was. Es ist viel wichtiger, wie man
von Innen ist“. Dabei zwinkerte Großvater ihr zu und Sarah lachte.
„Danke Opa“, sagte sie nur und ging.
„Na wohin willst
du denn?“, fragte Großvater.
„Ich rufe Paul an, ob er heute
Zeit hat“.
Großvater lächelte: „Wasch erstmal dein Gesicht".
Hab
Dank für die Uhr!
Von Daniel Trabitzsch