Sonntag, 13. Dezember 2015

Grotesk.



Grotesk.


Rauchschwaden ziehen durch das Zimmer. Alles wirkt gedämpft: Die Musik, das Licht, selbst die Geräusche der anderen Gäste sind nicht mehr als ein warmes Rauschen, das mich umgibt. Der beißende Geruch von Asche und Qualm sickert in meinen Verstand, macht mich schummrig. Es ist schon viel zu spät, denke ich mir nur, trinke einen weiteren Schluck des viel zu teuren Whiskeys und ärgere mich zugleich darüber. Eine Frau im blauen Abendkleid betritt die Bar, ein Lichtblick inmitten der Betäubung der Nacht. Selbst mir entgeht sie nicht, während ich weiter den Glanz meiner Eiswürfel inspiziere.
Ich schaue nicht auf, zu träge bin ich bereits. Die Dame schreitet nicht an die Bar. Einen Moment schaut sie sich um, der Rauch scheint ihr in den Augen zu brennen. Dann, kurzerhand, entdeckt sie ihre Verabredung und verschwindet an einen der Tische. Mir entweicht ein leises Seufzen, das mich selbst überrascht. 
 
Die Nacht schreitet fort. Die Gläser leeren sich, Geldscheine lassen sie wieder auffüllen. Doch all dies geschieht zeitlos. Die Fenster sind verhangen, es gibt keine Uhr im Raum. Die Welt da draußen könnte brennen, keiner hier würde es bemerken. In mir leuchtet der Wunsch auf, dass dieser Gedanke Wirklichkeit wird. Mir kommen die Straßen und Gassen der Stadt in den Kopf, beinahe so heruntergekommen wie ich selbst. Und mir wird unwohl bei den Gedanken, dass ich nicht selten dazu beigetragen habe. Der Asphalt ist beschmiert mit Schuldgefühlen und Angst, mit Schmutz und Abwasser, mit Tränen und Ambers Blut.

Mein Blick wandert auf meine Hände: Aufgeschwollen und rau, gebraucht von der Arbeit. Gebraucht wie ein Werkzeug, während mein Verstand langsam verkümmert. Ich lasse die Anspannung meiner Hand abflachen, will vermeiden das Glas in meinen Händen zu zerbrechen. Dann nehme ich einen großen Schluck des Vergessens.

Jemand betritt die Bar, ein kühler Windstoß kündigt sein Erscheinen an wie ein böses Omen. Doch ich erkenne seine Schritte zu spät auf den hölzernen Boden. Eine Flucht macht keinen Sinn mehr, diese Hoffnung habe ich schon lange fahren lassen. Er weiß wo ich bin. Und wenn nicht, dann wüsste er wen, der es weiß. Ich bestelle ein weiteres Glas, will mich selbst zerstören.

Er setzt sich still zu mir an die Bar, bestellt ein exotisches Getränk, das mir nichts sagt. So sitzen wir eine Weile schweigend dort. Sein Blick brennt auf meinem Gesicht, das Schweigen setzt mich unter Druck. Ich bemerke, wie meine Augen anfangen zu brennen. Ich hab aufgehört zu blinzeln, während ich mich konzentriere ihn zu ignorieren. Doch auch ohne ihn zu betrachten sehe ich sein gottverdammtes,  überlegenes Lächeln. Am schlimmsten daran ist jedoch, dass ich ihm nichts entgegen zu bringen habe. 

Ich halte sein Schweigen nicht mehr aus, selbst der Barkeeper hat Abstand zu uns genommen. Langsam wage ich meinen Blick zur Seite wandern zu lassen. Meine gläsernen Augen wandern ganz langsam zu ihn, während ich innerlich bete, ihn nicht grinsen zu sehen. Aber sein hämisches Lächeln ist allgegenwertig. Er mustert mich, betrachtet meinen besten Anzug wie Lumpen. Unsere Blicke begegnen sich, doch ich halte ihm nicht stand und wandere zurück auf mein Glas. Die Eiswürfel klirren leise im letzten Rest der goldenen Flüssigkeit.
Ich merke die Wirkung, doch ich will sie nicht wahrhaben. Ich will das alles nicht wahr haben.
Ganz langsam schiebt er mir den Umschlag hinüber. Ich will ihn liegen lassen, will mir die Demütigung ersparen. Doch es ist zu spät. Zu spät für diese Nacht. Zu spät, den Kurs zu ändern. Zu spät, nein zu sagen. Ich nehme den prall gefüllten Umschlag und lasse ihn in der Innentasche meines Jacketts verschwinden. Dann versuche ich aufzustehen. Bloß weg hier, denke ich mir, bevor auch nur ein Wort gesprochen wird. 

„Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen“, sagt er schließlich, als der Alkohol mein Gleichgewicht erfasst. Ich atme tief ein und will etwas zu ihm sagen, rieche den intensiven Gestank von Zigaretten und Tabak.

Der Geruch sickert aus meinen Klamotten, während ich meine Zimmerdecke anstarre. Noch immer weiß ich nicht, wie spät es ist oder wie ich gar hier hingekommen bin. Schmerzendes Sonnenlicht schimmert durch die Schalosien in mein Schlafzimmer. Ich liege in meinem Bett. Die Bar um mich herum scheint wie verschwunden, keine Erinnerungen liegen zwischen ihr und meinem Erwachen. Ich reibe mein Gesicht, gehe durch meinen Bart und lege meinen Kopf zur Seite. Dort, in dem Kissen neben mir, hatte sie gelegen. Hatte mich gemustert mit ihren eindringlichen Augen, hat sich wohl gefühlt, war ein Teil von mir geworden. Die letzten Reste von Ambers Geruch haften noch immer an meiner Bettwäsche, doch der penetrante Rauchgeruch überdeckt ihn.  Zerstört ihn. Lässt mich ihn vergessen. Vergessen, wie ich Sie vergessen muss. Ich stehe auf und spähe aus dem Fenster, hinein in diese dreckige, gnadenlose Stadt. Und während mein Inneres vor Verlust schreit, da blicke ich gefühlslos raus.
Der Selbsthass überkommt mich, denn ich gestehe ein, dass ich die dreckigste Hure der Stadt sein muss. Und ich bin seine Hure. Ein weiteres Mal habe ich mich verkauft, nun sogar meine Seele.
Auf dem Nachttisch entdecke ich den Umschlag. 

Er ist voller Geld und dennoch wertlos.  

Ein groteskes Bild meiner Selbst.

von Daniel Trabitzsch