Sonntag, 13. Dezember 2015

Grotesk.



Grotesk.


Rauchschwaden ziehen durch das Zimmer. Alles wirkt gedämpft: Die Musik, das Licht, selbst die Geräusche der anderen Gäste sind nicht mehr als ein warmes Rauschen, das mich umgibt. Der beißende Geruch von Asche und Qualm sickert in meinen Verstand, macht mich schummrig. Es ist schon viel zu spät, denke ich mir nur, trinke einen weiteren Schluck des viel zu teuren Whiskeys und ärgere mich zugleich darüber. Eine Frau im blauen Abendkleid betritt die Bar, ein Lichtblick inmitten der Betäubung der Nacht. Selbst mir entgeht sie nicht, während ich weiter den Glanz meiner Eiswürfel inspiziere.
Ich schaue nicht auf, zu träge bin ich bereits. Die Dame schreitet nicht an die Bar. Einen Moment schaut sie sich um, der Rauch scheint ihr in den Augen zu brennen. Dann, kurzerhand, entdeckt sie ihre Verabredung und verschwindet an einen der Tische. Mir entweicht ein leises Seufzen, das mich selbst überrascht. 
 
Die Nacht schreitet fort. Die Gläser leeren sich, Geldscheine lassen sie wieder auffüllen. Doch all dies geschieht zeitlos. Die Fenster sind verhangen, es gibt keine Uhr im Raum. Die Welt da draußen könnte brennen, keiner hier würde es bemerken. In mir leuchtet der Wunsch auf, dass dieser Gedanke Wirklichkeit wird. Mir kommen die Straßen und Gassen der Stadt in den Kopf, beinahe so heruntergekommen wie ich selbst. Und mir wird unwohl bei den Gedanken, dass ich nicht selten dazu beigetragen habe. Der Asphalt ist beschmiert mit Schuldgefühlen und Angst, mit Schmutz und Abwasser, mit Tränen und Ambers Blut.

Mein Blick wandert auf meine Hände: Aufgeschwollen und rau, gebraucht von der Arbeit. Gebraucht wie ein Werkzeug, während mein Verstand langsam verkümmert. Ich lasse die Anspannung meiner Hand abflachen, will vermeiden das Glas in meinen Händen zu zerbrechen. Dann nehme ich einen großen Schluck des Vergessens.

Jemand betritt die Bar, ein kühler Windstoß kündigt sein Erscheinen an wie ein böses Omen. Doch ich erkenne seine Schritte zu spät auf den hölzernen Boden. Eine Flucht macht keinen Sinn mehr, diese Hoffnung habe ich schon lange fahren lassen. Er weiß wo ich bin. Und wenn nicht, dann wüsste er wen, der es weiß. Ich bestelle ein weiteres Glas, will mich selbst zerstören.

Er setzt sich still zu mir an die Bar, bestellt ein exotisches Getränk, das mir nichts sagt. So sitzen wir eine Weile schweigend dort. Sein Blick brennt auf meinem Gesicht, das Schweigen setzt mich unter Druck. Ich bemerke, wie meine Augen anfangen zu brennen. Ich hab aufgehört zu blinzeln, während ich mich konzentriere ihn zu ignorieren. Doch auch ohne ihn zu betrachten sehe ich sein gottverdammtes,  überlegenes Lächeln. Am schlimmsten daran ist jedoch, dass ich ihm nichts entgegen zu bringen habe. 

Ich halte sein Schweigen nicht mehr aus, selbst der Barkeeper hat Abstand zu uns genommen. Langsam wage ich meinen Blick zur Seite wandern zu lassen. Meine gläsernen Augen wandern ganz langsam zu ihn, während ich innerlich bete, ihn nicht grinsen zu sehen. Aber sein hämisches Lächeln ist allgegenwertig. Er mustert mich, betrachtet meinen besten Anzug wie Lumpen. Unsere Blicke begegnen sich, doch ich halte ihm nicht stand und wandere zurück auf mein Glas. Die Eiswürfel klirren leise im letzten Rest der goldenen Flüssigkeit.
Ich merke die Wirkung, doch ich will sie nicht wahrhaben. Ich will das alles nicht wahr haben.
Ganz langsam schiebt er mir den Umschlag hinüber. Ich will ihn liegen lassen, will mir die Demütigung ersparen. Doch es ist zu spät. Zu spät für diese Nacht. Zu spät, den Kurs zu ändern. Zu spät, nein zu sagen. Ich nehme den prall gefüllten Umschlag und lasse ihn in der Innentasche meines Jacketts verschwinden. Dann versuche ich aufzustehen. Bloß weg hier, denke ich mir, bevor auch nur ein Wort gesprochen wird. 

„Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen“, sagt er schließlich, als der Alkohol mein Gleichgewicht erfasst. Ich atme tief ein und will etwas zu ihm sagen, rieche den intensiven Gestank von Zigaretten und Tabak.

Der Geruch sickert aus meinen Klamotten, während ich meine Zimmerdecke anstarre. Noch immer weiß ich nicht, wie spät es ist oder wie ich gar hier hingekommen bin. Schmerzendes Sonnenlicht schimmert durch die Schalosien in mein Schlafzimmer. Ich liege in meinem Bett. Die Bar um mich herum scheint wie verschwunden, keine Erinnerungen liegen zwischen ihr und meinem Erwachen. Ich reibe mein Gesicht, gehe durch meinen Bart und lege meinen Kopf zur Seite. Dort, in dem Kissen neben mir, hatte sie gelegen. Hatte mich gemustert mit ihren eindringlichen Augen, hat sich wohl gefühlt, war ein Teil von mir geworden. Die letzten Reste von Ambers Geruch haften noch immer an meiner Bettwäsche, doch der penetrante Rauchgeruch überdeckt ihn.  Zerstört ihn. Lässt mich ihn vergessen. Vergessen, wie ich Sie vergessen muss. Ich stehe auf und spähe aus dem Fenster, hinein in diese dreckige, gnadenlose Stadt. Und während mein Inneres vor Verlust schreit, da blicke ich gefühlslos raus.
Der Selbsthass überkommt mich, denn ich gestehe ein, dass ich die dreckigste Hure der Stadt sein muss. Und ich bin seine Hure. Ein weiteres Mal habe ich mich verkauft, nun sogar meine Seele.
Auf dem Nachttisch entdecke ich den Umschlag. 

Er ist voller Geld und dennoch wertlos.  

Ein groteskes Bild meiner Selbst.

von Daniel Trabitzsch

Dienstag, 6. Oktober 2015

Die Hallen von Seis 1

Die Hallen von Seis

Eintrag 1:


Seid ihr jemals an einem Ort gewesen, der so bizarr war, dass er euch süchtig gemacht hat, wieder dorthin zu reisen?
Wahrscheinlich nicht. Und wenn doch, dann denkt ihr vielleicht an einen Jahrmarkt, an einen besonderen Ort in der Natur, vielleicht an ein Stadtviertel, in dem Nachts die Post abgeht.
Aber ich rede nicht über solch einen Ort, ich bin mir fast sicher, dass ich von keinem Ort dieser Erde spreche. Nein. Der Ort, von dem Ich spreche, ist sogar fern ab all dem, was ich kenne. Und dennoch bin ich ihm Tag für Tag nahe. Verführerisch nahe.
Als ich das erste Mal dort gewesen bin hat es mich so schockiert, dass ich gleich von dort geflohen bin.


Derzeit mache ich Urlaub bei meiner Verwandtschaft in Perlycoat, einen bezaubernden Städtchen mitten im Nirgendwo. Und mit bezaubernd meine ich Öde. Ich nehme mir gerade eine Auszeit. In meinen Leben sind ein paar Dinge passiert, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Wie auch immer, hier in der Stadt ist nichts los. Schnell hatte ich begonnen, mich zu langweilen. Und ist das einmal der Fall, beginnt man sich an jede Attraktion zu klammern. So auch der Flohmarkt letzter Woche.
Der Flohmarkt glich einer Mischung aus Sperrmüll und Garagenverkauf. Dennoch waren alle Stände reichlich besucht! Alle, bis auf Einer.
Ein alter Mann hatte seine Waren auf einem billigen Stand verteilt, Gerümpel und Antiquitäten. Doch anders als alle anderen Stände interessierte sich keine Sau für sein Zeug.
Ich kam gerade von der Bude gegenüber und hatte mir eine Bratwurst im Brötchen gegönnt. Während ich sie aß, beobachtete ich den alten Mann, der die Schultern hängen ließ und jeden vorbei gelaufenen traurig entgegensah. Er war höheren Alters und es tat mir leid, ihn so einsam dort stehen zu sehen. Also zuckte ich mit den Schultern: Ein Blick und ein paar Worte könnten ja nicht schaden.
Aus der Nähe betrachtet war es der reinste Krimskrams. Von Wäscheklammer bis hin zu altem Geschirr: Von allem war etwas dabei, nur nichts Nützliches.
Wir kamen kurz ins Gespräch. Der Mann war direkt aber freundlich, erzählte mir über all seine Waren eine kleine Geschichte und ich heuchelte Interesse vor. Um den Mann und vor allem mein Gewissen zu beruhigen, entschied ich mich für einen Regenmantel. Ich weiß es klingt bescheuert, aber ich dachte mir dass dieser graue Kunststoffponcho praktischer sei als ein Teller mit Katzenmotiv oder der alten Uhr, der der Stundenzeiger fehlte.
Er bedankte sich und wollte mir noch mehr andrehen, doch da tat ich mich von Dannen.
Der Regenmantel landete in einer Ecke meines Zimmers. Ich ärgerte mich, auf den alten Mann hereingefallen zu sein. Es war sicher seine Masche gewesen und ich bin auf ihn hinein gefallen.
Einen Moment seufzte ich, dann packte ich mir das Dingen und warf es über.
Der Mantel war schon seit einiger Zeit aus der Mode gekommen. Das Grau glänzte unnatürlich im surrenden Licht der Glühbirne. Ich seufzte und blickte aus dem Fenster, irgendwann würde der Herbst kommen, dann wäre mein Geld sinnvoll eingesetzt.
Damals ahnte ich jedoch noch nicht, welchen Schatz ich wirklich erworben hatte.
Der Mantel besaß insgesamt 4 Taschen, eine Außen an jeder Seite und je zwei Innentaschen. Er hatte zum Glück die richtige Größe, andernfalls hätte ich mich noch mehr geärgert.
Ich ertastete etwas in der Brusttasche und holte ein gefaltetes Blatt Papier zum Vorschein. In kritzeliger Handschrift waren einige Wörter aufgeschrieben. Verwundert schaute ich auf die Schrift, konnte sie im Licht aber nicht entschlüsseln. Es war keinesfalls ein beigelegter Zettel, noch hatte ich nicht die Vermutung, dass es Waschanleitungen oder ähnliches enthielt.
Unter meiner Schreibtischlampe war das entschlüsseln schon deutlich leichter. Die Schrift wirkte eilig geschrieben und war keinesfalls sauber. Hier und da waren Rechtschreibfehler, der Kugelschreiber wirkte eher schnell über das Blatt gejagt. Ich konzentrierte mich und las.
Die Regeln:
  1. Die Methode ist immer die Gleiche, Start und Zielort können sich aber verändern.
  2. Der Mantel funktioniert nur, wenn er trocken ist und man sich auf dem Boden befindet. Vergesst diese Regel nie!
  3. Der Raum, in dem ihr startet, kann von jedem Punkt wieder sicher verlassen werden.
  4. Habt ihr den Raum eures Startes verlassen, so bleibt in den Hallen, bis ihr euer Ziel erreicht habt. Jeder andere Raum kann einen anderen Ort ansteuern, eure Rückkehr ist unwahrscheinlich.
  5. Wenn ihr Sie schreien hört, verschwindet.
  6. Suche die Einsamkeit, traue niemanden.
  7. Die Ap... werden.... ihr zulange in den Hallen des Seis...


Ich gab mein Bestes, doch die siebte Regel blieb für mich unverständlich. Große Wasserflecken hatten die Tinte von damals fortgeschwemmt. Auch erkannte ich dunkle Flecken weiterer Regeln, doch auch sie waren nichts mehr, als verblasste, dunkle Stellen auf den sonst weißen Papier.
Eine Neugierde stieg in mir auf, denn ich verstand kein Wort von dem, was dort stand. Der Mantel wurde im Text erwähnt, es war also kein Zufall, dass dieser Zettel sich in der Tasche befand. Und doch verstand ich nichts.
Was waren die Hallen des Seis? Die Hallen des Seismographen? Das war zumindest das einzige Wort, das mir mit Seis zu Beginn einfiel. Aber auch das machte absolut keinen Sinn. Regel 5 löste in mir ein gewisses Unbehagen aus: „Wenn ihr Sie schreien hört, verschwindet.“
Wer oder was war damit gemeint? Schreien bedeutete nur selten etwas Gutes. Doch anscheinend war der Mantel der Schlüssel. Das schloss ich aus Regel 2, auch wenn ich nicht verstehen konnte, für was der Mantel funktionieren musste und wie. Noch dazu fand ich es doch sehr idiotisch einen Regenmantel zu haben, der nur trocken funktionierte.
Ich durchsuchte den Mantel in jeder Tasche, tastete sogar das Gewebe ab. Aber da war Nichts außer ein paar Fussel. Keine weiteren Hinweise, kein Knopf oder so etwas. Nur der normale Stoff, wie jeder andere Regenmantel auch sein könnte. Ich seufzte auf. War meine Flucht aus dieser Langeweile etwa schon am Ende? Der Regenmantel lag ausgebreitet vor mir. Ein einfacher, grauer Regenmantel aus Kunstfasern, nur ärgerlich, dass keine Kapuze dabei war. Es kam mir merkwürdig vor, einen Regenmantel nicht mit einer Kapuze auszustatten. Und dann ging mir ein Licht auf:
Ich tastete den Kragen ab und entdeckte einen versteckten Klettverschluss. Es dauerte keine zwei Überlegungen, dann riss ich den Klettverschluss auf und rollte eine versteckte Kapuze aus dem Kragen aus. Ich durchsuchte die Kapuze sowie das neu entdeckte Fach, doch Beides enthielt nichts spektakuläres. Die Kapuze war aus dem selben Material wie der Rest des Regenmantels, im Fach befand sich ebenfalls Nichts.
Ich zog den Regenmantel an und blickte in mein Spiegelbild. Wenigstens würde mich der Mantel vor dem aufkommenden Herbstregen schützen.
Und dann zog ich die Kapuze über. Ich hätte schreien können, doch ich tat es nicht. Zu sehr erschrak ich und meine Stimme versagte.
Denn in dem Moment, als die Kapuze richtig auf meinen Kopf lag, hatte ich mein Zimmer verlassen. Ich hatte den Schreibtisch hinter mich gelassen, das Haus, den Ort, die Welt. Ich glitt durch all diese Dinge in solch einer kurzen Zeit, hätte ich geblinzelt, ich hätte es nicht mitbekommen. Es war nicht wie eine Fortbewegung, ich spürte keine Beschleunigung. Vielmehr war es wie als reiße die Wirklichkeit vor meinen Augen auf und brachte zum Vorschein, was ich mir in meinen kühnsten Vorstellungen nicht hätte vorstellen können.
Noch nie hat mein Herz so gehämmert, wie in diesem Moment. Ich befand mich inmitten eines quadratischen Raumes mit vier identischen Wänden, alle Wände durchbrochen durch symmetrische Durchgänge, so penetrant symmetrisch, es war wie als sehe ich in das Bild zweier gegenüberliegender Spiegel. Eine unendlich scheinende Anzahl an gleichen Räumen folgte auf diesen. Ich kannte diesen Ort keineswegs, doch was mich wirklich schockierte, war das Aussehen dieser Welt:
Es war wie als gäbe es kein Licht, als exzisiere es hier einfach nicht. Keine Farben waren zu erkennen, stattdessen glimmten die Kanten hell auf, als seien sie von zittrigen Händen gemalt. Der Rest erschien beinahe in einem gleich tonigen, dunklen Grau. Die Luft war kühl, geruchlos und abgestanden. Diese Räume hatten eine förmliche Sterilität an sich, als hätte nie ein Mensch einen Fuß in sie gewagt. Als hätte Leben nie einen Fuß in sie gewagt. Jede meiner Zellen spürte, dass ich etwas verbotenes getan hatte.
Ich riss mir schwer atmend die Kapuze vom Kopf und fiel auf meine Knie. Da war ich wieder, in meiner Realität, in dem vertrauten Haus, in meinen Zimmer, direkt vor dem Spiegel. Mein bleiches Spiegelbild musterte mich mit großen, schockierten Blicken, während es sich selbst abtastete. Die Glühbirne leuchtete immer noch, mein Schreibtisch sah aus wie ich ihn verlassen hatte, die Uhr tickte unvermindert weiter. Nichts schien sich verändert zu haben. Nichts außer ich selbst, der nun Schweiß gebadet auf seinen Teppich kniete und nicht verstand, was er gesehen hatte.
Die ganze Nacht lang fand ich keinen Schlaf. Ich versuchte das Gesehene als reine Phantasie, als Wahnvorstellung abzustempeln. Aber es ging nicht. Mein Verstand grub nach einer logischen Antwort, die es nicht zu geben schien. Und noch etwas machte sich in meinem Bewusstsein breit: Das Verlangen, es wieder zu erleben.
Am nächsten Morgen hatte ich eine Entscheidung getroffen. So packte ich den Regenmantel, den ich in eine Ecke gepfeffert hatte und hing ihn ordentlich auf. Ich werde die Hallen des Seis oder wie man sie auch immer nannte weiter untersuchen. Aus diesem Zweck legte ich dieses Buch an: Es ist weniger ein Tagebuch als Aufzeichnungen über meine Reisen ins Ungewisse.
von Daniel Trabitzsch

Donnerstag, 26. März 2015

Das Naum


Es war ein nebeliger Tag. Lena hatte ihren Blick aus dem Klassenfenster gerichtet und beobachtete, wie die Turnhalle am anderem Ende des Schulhofes im dichten Grau verschwand.
Noch immer waren ihre Gedanken verloren, weder mit ihr im Klassenzimmer, noch in der selben Zeit wie sie. Ihre Augenlider wollten sich einfach nur schließen, ihre Augen hatten dieses leichte brennen der Ermüdung. 

Es war die letzte Stunde, der Nachmittag war bereits fortgeschritten. An diesem Herbsttag schien die Welt da draußen selbst zu schlafen. Keine Vögel waren zu sehen und nur ein feiner Wind zog über die Dächer der Häuser.
Es war eine kleine Stadt, wenn nicht sogar ein Dorf. Die ganze Stadt war errichtet worden um den alten Kirchplatz. Soweit Lena es wusste war die Kirche sogar das höchste Gebäude, sei es auch nur um vielleicht zehn oder zwanzig Zentimeter.
Lena selbst wohnte direkt an diesem Platz, wie viele ihrer Mitschüler auch. Es war nicht verwunderlich, denn der Platz war mit Wohnhäusern umstellt, die Schule selbst nur fünf Minuten entfernt.

Frau Elswasser verspätete sich wieder einmal. Das tat sie zur letzten Stunde gerne einmal, schloss meistens kurz den Raum auf und verschwand dann, um sich einen Kaffee zuzubereiten. Die anderen Schüler nutzten dies natürlich aus. Hausaufgaben wurden abgeschrieben, Papierkugeln flogen durch den Raum, es wurde getuschelt und unterhalten.
Lena beteiligte sich nicht. Ihr war nicht nach all diesen Dingen. Zugegeben, sie bekam sie kaum mit, während sie sich innerlich danach sehnte, endlich heim gehen zu können. Dann würde sie sich auf die Couch schmeißen, ein wenig fernsehen und höchst wahrscheinlich bald schlafen.
„Was ist denn mit dir los?“, ertönte eine bekannte Stimme.
Lena schreckte aus ihren Gedanken auf und blickte nach vorne, direkt in die blauen Augen ihrer Freundin Sandra, die sie musterte.
 

Ach, nichts“, tat es Lena ab: „Ich hab nur so gut wie nicht geschlafen“
Sandra kicherte: „Du musstest wohl an Jemand bestimmtes denken“. Dabei nickte sie ihren Kopf seitlich in Richtung von Max, der auf der anderen Seite der Reihe saß.
Lena wurde rot und korrigierte ihre Freundin schnell: „Quatsch! Nein...nein das ist es nicht. Ich hatte nur einen Albtraum und konnte danach nicht mehr einschlafen...“

Der Nebel war irgendwann in den frühen Morgenstunden aufgetaucht und hielt sich seitdem wie ein trüber Schleier über den Straßen.
Ihr Blick wanderte zurück aus dem Fenster, bevor sie fortfuhr:
 

Ich hab geträumt wie ich in meinen Bett lag. Es war alles so komisch. Es war warm und ich lag geborgen unter der Decke. Doch auf der anderen Seite spürte ich dieses Unbehagen und fühlte mich beobachtet, als sei etwas in der Nähe, das dort einfach nicht hingehörte. Es war dunkel, ich sah nur die Umrisse. Aber mein Zimmer sah aus wie sonst auch.“
Lena schluckte kurz. Noch immer stießen diese Bilder in ihr Bewusstsein: „Ich hab mich zur Seite gedreht und blickte aus dem Fenster, als ich am Kirchturm dann diese Gestalt sah. Ich weiß nicht genau wie es aussah, aber es hing direkt an der Fassade und blickte mit stierenden Augen umher, als suche es etwas. Die Augen... sie leuchteten Gelb in der Dunkelheit.
Es war kein Mensch, vielmehr glich es einen gigantischen, nachtschwarzen Vogel. Der Blick des Monsters streifte durch jedes Zimmer. Ich wollte mich unter der Bettdecke verstecken, doch ich hatte keinen Mut, mich zu bewegen. Ich wusste, dass es jedes Fenster überprüfte.
Und dann sah es in meins...und unsere Blicke trafen sich.“
Einen Moment holte Lena Luft, besonnte sich darauf, dass es nicht echt gewesen war:
„Ich hatte solche Angst, es starrte direkt in meine Augen. Ich hatte Angst, auch nur zu blinzeln, denn ich wusste nicht ob es Zufall war das es so lange hinein sah oder ob es mich in der Dunkelheit wirklich sehen konnte. Ich hatte das Gefühl, stundenlang in diese Augen starren zu müssen. Hätte ich eine Sekunde weg geschaut, es hätte mich gejagt. Das spürte ich. Doch dann kam dieser Nebel auf, und irgendwann verlor ich es aus den Augen. Ich wachte darauf auf und konnte nicht wieder einschlafen.“
Lena blickte wieder nach vorne, um mir das Gelächter von Sandra anzuhören. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Freundin kreidebleich geworden war und sie mit weit aufgerissenen Augen musterte.
„Was hast du?“, fragte Lena verwundert.

Die Antwort lies Lena erschaudern. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Auf einmal verlor der Nebel all seine Tristheit, sondern hatte etwas bedrohliches, das die Sicht nahm. Niemand konnte wissen, was in ihm lauerte.
Sandra antwortete: „Ich hab es auch gesehen“.
von Daniel Trabitzsch

Dienstag, 17. März 2015

Der Gesang der Schimmerberge

Der Gesang der Schimmerberge



Folgt man den einsamen Flüssen in Richtung Norden, bis dass das Eis dem Sommer weicht, und wandert man in diese Richtung, bis selbst die tiefen Flüsse selbst begehbar sind, dann gelangt man an die Schimmerberge. Ihre Gipfel ragen so weit in den Himmel, das die Sonne sie noch immer küsst, selbst wenn der Abend die Nacht begrüßt. Ihre steilen Berghänge schimmern weiß, nur berührt vom Winde selbst.
Ihre Form erscheint wie ein vergessenes Schloss, zerrüttet vom Krieg mit dem Sturm. Denn die Berge, am Fuße wie ihre Brüder im Gebirge, steigen gerade auf, wie alte Türme, dessen Blick weit über die Welt ragt.
Das Klima der Berge ist kalt und rau. Das wenige Leben, das sich dort niedergelassen hat, kämpft jeden Tag um sein bestehen. Selbst die wilden Menschen, die der Natur trotzen und ab und an ihre Städte verlassen, um auf die Jagd zu gehen, meiden die Berge stets.
Denn um die Berge weht ein anderer Wind, älter als das Gebirge selbst. Tief aus den Spalten der Berge scheint er zu kommen, als husche er aus den Schießscharten dieser Türme, erbaut von der Zeit selbst.
Die wenigen, die sich in die Nähe der Berge verirrten, hörten den Wind mit seiner Melodie und spürten, wie das Wehklagen ihres Herzens antwortete. Der ewige Sturm ist nicht die Stimme einer der vier Götter, und dennoch ist sie erfüllt von der Angst und Anmut der Allmächtigkeit.
Keiner vermag auch nur zu erahnen, woher die Winde stammen, die über die Felsen fegen und die Hoffnung eines Jeden verwehen lässt, wie trockenes Laub. Es ist wie die Stimme einer fünften Macht, verborgen in den Tiefen dieser Berge.
Hütet euch vor diesen Orten, sprechen die Waisen in den Städten, denn sie vollziehen nichts als das Chaos und verdrehen die Welt eines Jeden, der ihnen zu lange lauscht.
Bis man schließlich sich verloren hat.
Verloren, im Gesang der Schimmerberge.

von Daniel Trabitzsch