Donnerstag, 26. März 2015

Das Naum


Es war ein nebeliger Tag. Lena hatte ihren Blick aus dem Klassenfenster gerichtet und beobachtete, wie die Turnhalle am anderem Ende des Schulhofes im dichten Grau verschwand.
Noch immer waren ihre Gedanken verloren, weder mit ihr im Klassenzimmer, noch in der selben Zeit wie sie. Ihre Augenlider wollten sich einfach nur schließen, ihre Augen hatten dieses leichte brennen der Ermüdung. 

Es war die letzte Stunde, der Nachmittag war bereits fortgeschritten. An diesem Herbsttag schien die Welt da draußen selbst zu schlafen. Keine Vögel waren zu sehen und nur ein feiner Wind zog über die Dächer der Häuser.
Es war eine kleine Stadt, wenn nicht sogar ein Dorf. Die ganze Stadt war errichtet worden um den alten Kirchplatz. Soweit Lena es wusste war die Kirche sogar das höchste Gebäude, sei es auch nur um vielleicht zehn oder zwanzig Zentimeter.
Lena selbst wohnte direkt an diesem Platz, wie viele ihrer Mitschüler auch. Es war nicht verwunderlich, denn der Platz war mit Wohnhäusern umstellt, die Schule selbst nur fünf Minuten entfernt.

Frau Elswasser verspätete sich wieder einmal. Das tat sie zur letzten Stunde gerne einmal, schloss meistens kurz den Raum auf und verschwand dann, um sich einen Kaffee zuzubereiten. Die anderen Schüler nutzten dies natürlich aus. Hausaufgaben wurden abgeschrieben, Papierkugeln flogen durch den Raum, es wurde getuschelt und unterhalten.
Lena beteiligte sich nicht. Ihr war nicht nach all diesen Dingen. Zugegeben, sie bekam sie kaum mit, während sie sich innerlich danach sehnte, endlich heim gehen zu können. Dann würde sie sich auf die Couch schmeißen, ein wenig fernsehen und höchst wahrscheinlich bald schlafen.
„Was ist denn mit dir los?“, ertönte eine bekannte Stimme.
Lena schreckte aus ihren Gedanken auf und blickte nach vorne, direkt in die blauen Augen ihrer Freundin Sandra, die sie musterte.
 

Ach, nichts“, tat es Lena ab: „Ich hab nur so gut wie nicht geschlafen“
Sandra kicherte: „Du musstest wohl an Jemand bestimmtes denken“. Dabei nickte sie ihren Kopf seitlich in Richtung von Max, der auf der anderen Seite der Reihe saß.
Lena wurde rot und korrigierte ihre Freundin schnell: „Quatsch! Nein...nein das ist es nicht. Ich hatte nur einen Albtraum und konnte danach nicht mehr einschlafen...“

Der Nebel war irgendwann in den frühen Morgenstunden aufgetaucht und hielt sich seitdem wie ein trüber Schleier über den Straßen.
Ihr Blick wanderte zurück aus dem Fenster, bevor sie fortfuhr:
 

Ich hab geträumt wie ich in meinen Bett lag. Es war alles so komisch. Es war warm und ich lag geborgen unter der Decke. Doch auf der anderen Seite spürte ich dieses Unbehagen und fühlte mich beobachtet, als sei etwas in der Nähe, das dort einfach nicht hingehörte. Es war dunkel, ich sah nur die Umrisse. Aber mein Zimmer sah aus wie sonst auch.“
Lena schluckte kurz. Noch immer stießen diese Bilder in ihr Bewusstsein: „Ich hab mich zur Seite gedreht und blickte aus dem Fenster, als ich am Kirchturm dann diese Gestalt sah. Ich weiß nicht genau wie es aussah, aber es hing direkt an der Fassade und blickte mit stierenden Augen umher, als suche es etwas. Die Augen... sie leuchteten Gelb in der Dunkelheit.
Es war kein Mensch, vielmehr glich es einen gigantischen, nachtschwarzen Vogel. Der Blick des Monsters streifte durch jedes Zimmer. Ich wollte mich unter der Bettdecke verstecken, doch ich hatte keinen Mut, mich zu bewegen. Ich wusste, dass es jedes Fenster überprüfte.
Und dann sah es in meins...und unsere Blicke trafen sich.“
Einen Moment holte Lena Luft, besonnte sich darauf, dass es nicht echt gewesen war:
„Ich hatte solche Angst, es starrte direkt in meine Augen. Ich hatte Angst, auch nur zu blinzeln, denn ich wusste nicht ob es Zufall war das es so lange hinein sah oder ob es mich in der Dunkelheit wirklich sehen konnte. Ich hatte das Gefühl, stundenlang in diese Augen starren zu müssen. Hätte ich eine Sekunde weg geschaut, es hätte mich gejagt. Das spürte ich. Doch dann kam dieser Nebel auf, und irgendwann verlor ich es aus den Augen. Ich wachte darauf auf und konnte nicht wieder einschlafen.“
Lena blickte wieder nach vorne, um mir das Gelächter von Sandra anzuhören. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Freundin kreidebleich geworden war und sie mit weit aufgerissenen Augen musterte.
„Was hast du?“, fragte Lena verwundert.

Die Antwort lies Lena erschaudern. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Auf einmal verlor der Nebel all seine Tristheit, sondern hatte etwas bedrohliches, das die Sicht nahm. Niemand konnte wissen, was in ihm lauerte.
Sandra antwortete: „Ich hab es auch gesehen“.
von Daniel Trabitzsch

Dienstag, 17. März 2015

Der Gesang der Schimmerberge

Der Gesang der Schimmerberge



Folgt man den einsamen Flüssen in Richtung Norden, bis dass das Eis dem Sommer weicht, und wandert man in diese Richtung, bis selbst die tiefen Flüsse selbst begehbar sind, dann gelangt man an die Schimmerberge. Ihre Gipfel ragen so weit in den Himmel, das die Sonne sie noch immer küsst, selbst wenn der Abend die Nacht begrüßt. Ihre steilen Berghänge schimmern weiß, nur berührt vom Winde selbst.
Ihre Form erscheint wie ein vergessenes Schloss, zerrüttet vom Krieg mit dem Sturm. Denn die Berge, am Fuße wie ihre Brüder im Gebirge, steigen gerade auf, wie alte Türme, dessen Blick weit über die Welt ragt.
Das Klima der Berge ist kalt und rau. Das wenige Leben, das sich dort niedergelassen hat, kämpft jeden Tag um sein bestehen. Selbst die wilden Menschen, die der Natur trotzen und ab und an ihre Städte verlassen, um auf die Jagd zu gehen, meiden die Berge stets.
Denn um die Berge weht ein anderer Wind, älter als das Gebirge selbst. Tief aus den Spalten der Berge scheint er zu kommen, als husche er aus den Schießscharten dieser Türme, erbaut von der Zeit selbst.
Die wenigen, die sich in die Nähe der Berge verirrten, hörten den Wind mit seiner Melodie und spürten, wie das Wehklagen ihres Herzens antwortete. Der ewige Sturm ist nicht die Stimme einer der vier Götter, und dennoch ist sie erfüllt von der Angst und Anmut der Allmächtigkeit.
Keiner vermag auch nur zu erahnen, woher die Winde stammen, die über die Felsen fegen und die Hoffnung eines Jeden verwehen lässt, wie trockenes Laub. Es ist wie die Stimme einer fünften Macht, verborgen in den Tiefen dieser Berge.
Hütet euch vor diesen Orten, sprechen die Waisen in den Städten, denn sie vollziehen nichts als das Chaos und verdrehen die Welt eines Jeden, der ihnen zu lange lauscht.
Bis man schließlich sich verloren hat.
Verloren, im Gesang der Schimmerberge.

von Daniel Trabitzsch