Dienstag, 6. Oktober 2015

Die Hallen von Seis 1

Die Hallen von Seis

Eintrag 1:


Seid ihr jemals an einem Ort gewesen, der so bizarr war, dass er euch süchtig gemacht hat, wieder dorthin zu reisen?
Wahrscheinlich nicht. Und wenn doch, dann denkt ihr vielleicht an einen Jahrmarkt, an einen besonderen Ort in der Natur, vielleicht an ein Stadtviertel, in dem Nachts die Post abgeht.
Aber ich rede nicht über solch einen Ort, ich bin mir fast sicher, dass ich von keinem Ort dieser Erde spreche. Nein. Der Ort, von dem Ich spreche, ist sogar fern ab all dem, was ich kenne. Und dennoch bin ich ihm Tag für Tag nahe. Verführerisch nahe.
Als ich das erste Mal dort gewesen bin hat es mich so schockiert, dass ich gleich von dort geflohen bin.


Derzeit mache ich Urlaub bei meiner Verwandtschaft in Perlycoat, einen bezaubernden Städtchen mitten im Nirgendwo. Und mit bezaubernd meine ich Öde. Ich nehme mir gerade eine Auszeit. In meinen Leben sind ein paar Dinge passiert, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Wie auch immer, hier in der Stadt ist nichts los. Schnell hatte ich begonnen, mich zu langweilen. Und ist das einmal der Fall, beginnt man sich an jede Attraktion zu klammern. So auch der Flohmarkt letzter Woche.
Der Flohmarkt glich einer Mischung aus Sperrmüll und Garagenverkauf. Dennoch waren alle Stände reichlich besucht! Alle, bis auf Einer.
Ein alter Mann hatte seine Waren auf einem billigen Stand verteilt, Gerümpel und Antiquitäten. Doch anders als alle anderen Stände interessierte sich keine Sau für sein Zeug.
Ich kam gerade von der Bude gegenüber und hatte mir eine Bratwurst im Brötchen gegönnt. Während ich sie aß, beobachtete ich den alten Mann, der die Schultern hängen ließ und jeden vorbei gelaufenen traurig entgegensah. Er war höheren Alters und es tat mir leid, ihn so einsam dort stehen zu sehen. Also zuckte ich mit den Schultern: Ein Blick und ein paar Worte könnten ja nicht schaden.
Aus der Nähe betrachtet war es der reinste Krimskrams. Von Wäscheklammer bis hin zu altem Geschirr: Von allem war etwas dabei, nur nichts Nützliches.
Wir kamen kurz ins Gespräch. Der Mann war direkt aber freundlich, erzählte mir über all seine Waren eine kleine Geschichte und ich heuchelte Interesse vor. Um den Mann und vor allem mein Gewissen zu beruhigen, entschied ich mich für einen Regenmantel. Ich weiß es klingt bescheuert, aber ich dachte mir dass dieser graue Kunststoffponcho praktischer sei als ein Teller mit Katzenmotiv oder der alten Uhr, der der Stundenzeiger fehlte.
Er bedankte sich und wollte mir noch mehr andrehen, doch da tat ich mich von Dannen.
Der Regenmantel landete in einer Ecke meines Zimmers. Ich ärgerte mich, auf den alten Mann hereingefallen zu sein. Es war sicher seine Masche gewesen und ich bin auf ihn hinein gefallen.
Einen Moment seufzte ich, dann packte ich mir das Dingen und warf es über.
Der Mantel war schon seit einiger Zeit aus der Mode gekommen. Das Grau glänzte unnatürlich im surrenden Licht der Glühbirne. Ich seufzte und blickte aus dem Fenster, irgendwann würde der Herbst kommen, dann wäre mein Geld sinnvoll eingesetzt.
Damals ahnte ich jedoch noch nicht, welchen Schatz ich wirklich erworben hatte.
Der Mantel besaß insgesamt 4 Taschen, eine Außen an jeder Seite und je zwei Innentaschen. Er hatte zum Glück die richtige Größe, andernfalls hätte ich mich noch mehr geärgert.
Ich ertastete etwas in der Brusttasche und holte ein gefaltetes Blatt Papier zum Vorschein. In kritzeliger Handschrift waren einige Wörter aufgeschrieben. Verwundert schaute ich auf die Schrift, konnte sie im Licht aber nicht entschlüsseln. Es war keinesfalls ein beigelegter Zettel, noch hatte ich nicht die Vermutung, dass es Waschanleitungen oder ähnliches enthielt.
Unter meiner Schreibtischlampe war das entschlüsseln schon deutlich leichter. Die Schrift wirkte eilig geschrieben und war keinesfalls sauber. Hier und da waren Rechtschreibfehler, der Kugelschreiber wirkte eher schnell über das Blatt gejagt. Ich konzentrierte mich und las.
Die Regeln:
  1. Die Methode ist immer die Gleiche, Start und Zielort können sich aber verändern.
  2. Der Mantel funktioniert nur, wenn er trocken ist und man sich auf dem Boden befindet. Vergesst diese Regel nie!
  3. Der Raum, in dem ihr startet, kann von jedem Punkt wieder sicher verlassen werden.
  4. Habt ihr den Raum eures Startes verlassen, so bleibt in den Hallen, bis ihr euer Ziel erreicht habt. Jeder andere Raum kann einen anderen Ort ansteuern, eure Rückkehr ist unwahrscheinlich.
  5. Wenn ihr Sie schreien hört, verschwindet.
  6. Suche die Einsamkeit, traue niemanden.
  7. Die Ap... werden.... ihr zulange in den Hallen des Seis...


Ich gab mein Bestes, doch die siebte Regel blieb für mich unverständlich. Große Wasserflecken hatten die Tinte von damals fortgeschwemmt. Auch erkannte ich dunkle Flecken weiterer Regeln, doch auch sie waren nichts mehr, als verblasste, dunkle Stellen auf den sonst weißen Papier.
Eine Neugierde stieg in mir auf, denn ich verstand kein Wort von dem, was dort stand. Der Mantel wurde im Text erwähnt, es war also kein Zufall, dass dieser Zettel sich in der Tasche befand. Und doch verstand ich nichts.
Was waren die Hallen des Seis? Die Hallen des Seismographen? Das war zumindest das einzige Wort, das mir mit Seis zu Beginn einfiel. Aber auch das machte absolut keinen Sinn. Regel 5 löste in mir ein gewisses Unbehagen aus: „Wenn ihr Sie schreien hört, verschwindet.“
Wer oder was war damit gemeint? Schreien bedeutete nur selten etwas Gutes. Doch anscheinend war der Mantel der Schlüssel. Das schloss ich aus Regel 2, auch wenn ich nicht verstehen konnte, für was der Mantel funktionieren musste und wie. Noch dazu fand ich es doch sehr idiotisch einen Regenmantel zu haben, der nur trocken funktionierte.
Ich durchsuchte den Mantel in jeder Tasche, tastete sogar das Gewebe ab. Aber da war Nichts außer ein paar Fussel. Keine weiteren Hinweise, kein Knopf oder so etwas. Nur der normale Stoff, wie jeder andere Regenmantel auch sein könnte. Ich seufzte auf. War meine Flucht aus dieser Langeweile etwa schon am Ende? Der Regenmantel lag ausgebreitet vor mir. Ein einfacher, grauer Regenmantel aus Kunstfasern, nur ärgerlich, dass keine Kapuze dabei war. Es kam mir merkwürdig vor, einen Regenmantel nicht mit einer Kapuze auszustatten. Und dann ging mir ein Licht auf:
Ich tastete den Kragen ab und entdeckte einen versteckten Klettverschluss. Es dauerte keine zwei Überlegungen, dann riss ich den Klettverschluss auf und rollte eine versteckte Kapuze aus dem Kragen aus. Ich durchsuchte die Kapuze sowie das neu entdeckte Fach, doch Beides enthielt nichts spektakuläres. Die Kapuze war aus dem selben Material wie der Rest des Regenmantels, im Fach befand sich ebenfalls Nichts.
Ich zog den Regenmantel an und blickte in mein Spiegelbild. Wenigstens würde mich der Mantel vor dem aufkommenden Herbstregen schützen.
Und dann zog ich die Kapuze über. Ich hätte schreien können, doch ich tat es nicht. Zu sehr erschrak ich und meine Stimme versagte.
Denn in dem Moment, als die Kapuze richtig auf meinen Kopf lag, hatte ich mein Zimmer verlassen. Ich hatte den Schreibtisch hinter mich gelassen, das Haus, den Ort, die Welt. Ich glitt durch all diese Dinge in solch einer kurzen Zeit, hätte ich geblinzelt, ich hätte es nicht mitbekommen. Es war nicht wie eine Fortbewegung, ich spürte keine Beschleunigung. Vielmehr war es wie als reiße die Wirklichkeit vor meinen Augen auf und brachte zum Vorschein, was ich mir in meinen kühnsten Vorstellungen nicht hätte vorstellen können.
Noch nie hat mein Herz so gehämmert, wie in diesem Moment. Ich befand mich inmitten eines quadratischen Raumes mit vier identischen Wänden, alle Wände durchbrochen durch symmetrische Durchgänge, so penetrant symmetrisch, es war wie als sehe ich in das Bild zweier gegenüberliegender Spiegel. Eine unendlich scheinende Anzahl an gleichen Räumen folgte auf diesen. Ich kannte diesen Ort keineswegs, doch was mich wirklich schockierte, war das Aussehen dieser Welt:
Es war wie als gäbe es kein Licht, als exzisiere es hier einfach nicht. Keine Farben waren zu erkennen, stattdessen glimmten die Kanten hell auf, als seien sie von zittrigen Händen gemalt. Der Rest erschien beinahe in einem gleich tonigen, dunklen Grau. Die Luft war kühl, geruchlos und abgestanden. Diese Räume hatten eine förmliche Sterilität an sich, als hätte nie ein Mensch einen Fuß in sie gewagt. Als hätte Leben nie einen Fuß in sie gewagt. Jede meiner Zellen spürte, dass ich etwas verbotenes getan hatte.
Ich riss mir schwer atmend die Kapuze vom Kopf und fiel auf meine Knie. Da war ich wieder, in meiner Realität, in dem vertrauten Haus, in meinen Zimmer, direkt vor dem Spiegel. Mein bleiches Spiegelbild musterte mich mit großen, schockierten Blicken, während es sich selbst abtastete. Die Glühbirne leuchtete immer noch, mein Schreibtisch sah aus wie ich ihn verlassen hatte, die Uhr tickte unvermindert weiter. Nichts schien sich verändert zu haben. Nichts außer ich selbst, der nun Schweiß gebadet auf seinen Teppich kniete und nicht verstand, was er gesehen hatte.
Die ganze Nacht lang fand ich keinen Schlaf. Ich versuchte das Gesehene als reine Phantasie, als Wahnvorstellung abzustempeln. Aber es ging nicht. Mein Verstand grub nach einer logischen Antwort, die es nicht zu geben schien. Und noch etwas machte sich in meinem Bewusstsein breit: Das Verlangen, es wieder zu erleben.
Am nächsten Morgen hatte ich eine Entscheidung getroffen. So packte ich den Regenmantel, den ich in eine Ecke gepfeffert hatte und hing ihn ordentlich auf. Ich werde die Hallen des Seis oder wie man sie auch immer nannte weiter untersuchen. Aus diesem Zweck legte ich dieses Buch an: Es ist weniger ein Tagebuch als Aufzeichnungen über meine Reisen ins Ungewisse.
von Daniel Trabitzsch