Want
to play again?
Y/N
Dies
war das Erste, das Markus las. Ein merkwürdiger Beginn für ein
Spiel, dachte er sich.
Markus spielte für sein Leben gerne und
kannte viele Geheimtipps und Spielempfehlungen, die sonst nur wenigen
bekannt waren.
Schon vieles verrücktes hatte er gesehen, doch
niemals würde er etwas dergleichen wieder erleben.
Er genoss es,
bei seinen Computerspielen in das Geschehen einzutauchen. Man nannte
ihn in der Schule oft verrückt, er sei ein Nerd, ein
Computer-Süchtiger. Doch ihm war das schnuppe, sollten doch die
Leute glauben was sie wollten.
Entgegen der Vermutungen seiner
Klassenkameraden hatte er Freunde, viele sogar, nur keiner von diesen
wohnte bei ihm in der Stadt. Viel mehr verteilten sie sich auf dem
ganzen Globus. Doch sie alle teilten sein Interesse und das war
Markus wichtiger.
Eines Nachts, es war bereits spät, erhielt er
schließlich eine Nachricht, die ihn zuerst stutzig machte.
Niemand
auf seiner Freundesliste war noch online, Markus versuchte viel mehr
die Zeit tot zu schlagen. Doch schließlich blitzte etwas auf.
Four
war online gekommen. Four, wer war das noch gleich? Markus konnte
sich nicht erinnern, wer das war. Doch angesichts dass man ohne
weiteres seinen Namen ändern konnte, wunderte er sich nicht
sonderlich.
Four schrieb ihn etwas. Interessiert betrachtete er
das blinkende „typing...“ am oberen Chatrand. Sicherlich war ihm
genauso langweilig wie ihm.
Er tippte lange.
Dann erschien
ein Link.
„Hatte der den nun mit Hand abgeschrieben?“, fragte
sich Markus leise und schmunzelte etwas darüber. So etwas kann man
doch kopieren.
„Was ist das?“, fragte Markus, doch ehe seine
Nachricht ankam war sein Gesprächspartner wieder offline
verschwunden.
Er überlegte. Sollte er darauf klicken? Markus
kannte die ganzen Virenfallen und ihre Folgen.
Die verlinkte
Seite sagte ihm garnichts. Sollte er den Fremden vertrauen? Auf der
Anderen Seite stand er auf seiner Freundesliste, und Freunden sollte
man doch vertrauen können, oder?
Er durchsuchte noch einmal das
Netz, doch keine Suchmaschine wollte ihm eine Antwort geben.
Noch
einmal schaute Markus in den Chat.
„Play it“, stand nun unter
dem Link. Wann hatte er es geschickt? Eigentlich hätte Markus doch
einen Ton gehört haben müssen als die Nachricht ankam, das hatte er
doch so eingestellt.
Für Markus wurde es immer suspekter.
Immerhin wusste er nun, dass es sich um ein Spiel handelte. Doch was
für eins? Noch einmal studierte er den Link, fand aber keine
Antwort.
Es war eine dieser Geheimempfehlungen anscheinend,
irgendeine Beta-Veröffentlichung, bevor das Spiel richtig
veröffentlicht wurde.
Und so übersah er seine Zweifel, während
seine Maus auf die Schrift wanderte. Dann klickte er.
Es war
ein direkter Downloadlink. Keine Website, keine Antwort auf die
Frage, was es sei.
Die Datei hieß „404.exe“. Nur um sicher zu
gehen speicherte Markus das Programm in einen Quarantäne-Ordner.
Doch auch nach mehreren Scanns schien die Datei keine Viren zu
beinhalten.
Die Uhr tickte in seinem Zimmer. Doch davon nahm er
nur wenig durch seine dicken Kopfhörer wahr.
Es
benötigte keine Installation, vielmehr tauchte es so schlagartig
seinen Bildschirm in ein Schwarz, dass Markus erst dachte, sein
Rechner sei abgestürzt.
Er probierte sämtliche ihn bekannte
Tastenkombinationen aus um
den Computer wiederzubeleben. Doch es
kam keine Reaktion.
Da hilft nur noch der Reset, dachte Markus
sich, doch ehe er die Taste erreichte erschien schließlich eine
verpixelte Schrift, die sich mehr und mehr schärfte.
„Want to
play again? Y/N“, stand dort.
Markus lachte. Dieses Spiel
musste wohl noch voller Bugs sein.
Er hatte noch kein Spiel
gespielt, und dennoch glaubte die Software anscheinend das Gegenteil.
Noch dazu diese längst veraltete Menüführung.
Markus drückte Y
und enter.
Es sollte nicht weniger merkwürdig werden.
Das
Spiel begann in einen Wald. Der Sound und die Grafik schienen
wirklich gut und sehr aufwändig. Markus schaute sich um, betrachtete
den Himmel durch die Bäume hindurch, wie das Licht diffus durch
einen zarten Nebel glitt.
Es war doch sehr dunkel, doch eine
Einstellmöglichkeit für den Gamma-Wert fand er nicht. Er fand
überhaupt keine Einstellungsmöglichkeiten. „Naja, was solls“,
dachte sich Markus und schritt los.
Das Laub knirschte unter
seinen Füßen, ab und an trat er auf einen zerbrechenden Ast. Markus
war sofort hin und weg, obgleich er noch keinen Sinn verstand.
Irgendwie kam ihn das alles doch sehr bekannt vor. War es eine
Karte eines anderen Spieles?
Er war vielleicht 100m gegangen, als
im Nebel eine Stimme ertönte.
Sie war weiblich, kratzig und
schleierhaft und erklang verzerrt.
Alles was sie sagte war: „Ich
sehe dich“
Markus blickte sich um, doch er war alleine.
Die
Stimme ertönte erneut: „Ich sehe dich“
Ein Schaudern lief
ihm über den Rücken. War die Stimme lauter geworden?
Noch einmal
blickte er sich um, schaute auch in den Himmel und versuchte
irgendwas zu sehen. Die Stimme hallte in der Ferne, sie schien wohl
noch weit genug entfernt.
Es musste eines dieser Horrorgames
sein, dachte sich Markus. Er war kein Fan solcher Spiele, doch
angesichts der realistischen Grafik wollte er es sich diesmal nicht
entgehen lassen.
Markus schritt tiefer in den Wald. Die
Baumkronen schwangen im Wind mit. Auf einmal blieb er stehen.
Der
Nebel nahm zu. War dies ein gutes Zeichen?
Seine Nackenhaare
stellten sich auf. Dennoch schritt er weiter, hinein in den Nebel.
„Ich sehe dich“
Er bildete es sich wirklich nicht ein,
die Stimme wurde tatsächlich lauter. Immer wieder schaute er sich
um, in der Hoffnung Jemanden oder Irgendetwas zu erkennen. Doch alles
was blieb war der Nebel und der Schatten der Bäume.
Er gelang an
eine Weggabelung. Welchen Weg sollte er nehmen?
„Ich sehe
dich“, hörte er wieder, die Stimme war lauter als je zuvor. Markus
konnte nicht verleugnen wie die Panik in ihm aufstieg. Er blickte
sich um, und diesmal wurde er fündig.
Am Ende eines der Wege
stand etwas...vielmehr schwebte etwas. Es war noch weit entfernt,
dennoch konnte er es gut erkennen.
Es handelte sich um eine Frau,
komplett in weiß gehüllt. Ihre Haare waren weiß, hatten einen
leichten Blaustich und standen zerzaust vom Kopf. Ihre Haut war grau
und verblichen.
Sie hatte die Arme weit nach oben verbunden,
vertrocknete Blutreste waren immer noch gut zu sehen. Und ihre Augen
waren weit aufgerissen, während sie fieberhaft Markus
fixierten.
„Ich sehe dich“
Kaum hatte sie das gesagt
verschwand sie und tauchte unmittelbar ganze 200 Meter näher auf.
Markus tat das, was jeder gute Gamer in diesen Moment getan
hätte. Er lief. Er lief um sein Leben.
Der Nebel wurde dichter
und dichter, je näher die Gestalt zu kommen schien. Markus hatte
sich für den zweiten Weg entschieden und hastete so schnell er
konnte.
„Ich sehe dich“, ertönte es noch einmal. Die Stimme
klang nun mehr nach einen Kreischen.
Markus drehte sich nicht um,
sein Puls raste.
Vor ihm wurde es heller. Das Licht am Ende eines
Tunnels?
„Ich sehe dich“,
Sie oder Es war weiterhin hinter
ihm, das musste er sich eingestehen, als er sich umdrehte und die
Gestalt nur wenige Meter hinter sich erblickte. Der Schock war so
groß gewesen, dass Markus einen kurzen Aufschrei nicht unterdrücken
konnte.
Ihre Augen waren gläsern, in ihnen steckte kein Leben
mehr.
Schließlich erreichte Markus den Ausgang des Waldes und
landete auf einen Gehweg. Noch nahm er etwas Abstand, dann blickte er
zurück in den Wald. Er lag still und unschuldig dort.
„Ich
sehe dich“, ertönte es wieder.
Es war noch nicht vorbei. Die
Gestalt war nicht weit von seiner Position hinter ihm aufgetaucht.
Auch sie konnte den Wald wohl verlassen.
Die Flucht setzte sich
fort.
Markus gab Fersengeld so schnell er es konnte. Einfach den
Weg entlang, dachte er sich, er wird schon irgendwo hinführen.
Sein
Puls hatte eine Maximalgrenze erreicht.
Ein warmes Licht schien
irgendwo in der Ferne zu sein und schimmerte durch den dichter
werdenden Nebel.
„Ich sehe dich“,
Markus hatte keine
andere Wahl als zu laufen. Selbst der Asphalt hatte all seine Details
bekommen, erklang und hallte bei all seinen Schritten.
Bald hatte
er das Licht erreicht. Bald würde er wissen was dort ist.
Aus
dem Nebel tauchte ein Haus auf und Markus gefror.
Es war nicht
irgendein Haus...es war sein Haus.
Auf einmal hatte dieses Spiel
nichts unterhaltsames mehr. Wer hatte dieses Spiel in die Welt
gesetzt und warum kannte er sein Haus.
Werd nicht verrückt,
redete er sich selbst ein, das kann unmöglich dein Haus sein. Es hat
nur große Ähnlichkeiten.
„Ich sehe dich“. Er hatte keine
Zeit zu verlieren.
Er
versuchte in den Haupteingang, doch die Türe war verschlossen. Als
er sich umdrehte stand das Wesen bereits an der Ecke der Straße und
hatte ihn weiter mit seinen fanatischen Augen fixiert.
Schnell
lief Markus um das Haus und in der Tat, der Keller ging zu öffnen.
Es
wurde nur noch Abstruser.
Der Keller, der vor ihm lag, hatte den
gleichen Aufbau wie seiner. Einen Moment nahm er Abstand von der
Tastatur.
Wollte er dieses Spiel wirklich noch weiter spielen? Er
ging zu einen der Lichtschalter. Sie funktionierten.
„Ich sehe
dich“
Die Gestalt war im Türrahmen der Kellertüre
aufgetaucht. Unter Panik vergaß Markus die Zusammenhänge schnell
und rannte weiter. Bloß nicht erwischen lassen, dachte er sich, bloß
nicht erwischen lassen. Den Weg kannte er hinaus aus den Keller.
So
rannte er den Gang entlang und schließlich die Treppe hinauf. Er
versuchte die Kellertreppe zu schließen, doch es ging nicht. So
hastete er weiter die Treppen hinauf.
Von der Kreatur fehlte jede
Spur. Auch nach einen gewissen Moment ertönte nicht noch einmal ihre
Stimme. Markus beruhigte sich kein Stück weit. Weiter suchte er nach
einer offenen Türe, doch die meisten waren verschlossen und führten
zu einer Sackgasse.
Das Haus war aufgebaut wie sein eigenes. Er
konnte es sich das einfach nicht erklären. Es war ein
Alptraum.
Markus ging in den dritten Stock. So schritt er den Flur
entlang, als er etwas hörte.
„Ich sehe dich“,
Am
liebsten hätte Markus den Strom weggenommen. Doch er war längst im
Spiel versunken, um an solche Wege zu denken.
Durch einen Spalt
im Treppengeländer sah er sie sehen. Sie stand am Fuße der letzten
Wendeltreppe.
Markus verlor keine Zeit und suchte nach einer
offenen Türe. Er fand eine...und er wusste welche es war.
Er
vernahm das Ticken einer Uhr von der anderen Seite der Türe.
Seine
Hände wurden so zittrig wie noch nie in seinem Leben.
Er kannte
das ticken nur zu gut.
Er kannte das Haus nur zu gut.
Langsam
streifte er seine Kopfhörer ab.
Aus
seinem Flur ertönte eine weibliche Stimme:
„Ich sehe dich“
Want to play again? Y/N
Von Daniel Trabitzsch