Dienstag, 6. Mai 2014

Y/N

Want to play again?
Y/N

Dies war das Erste, das Markus las. Ein merkwürdiger Beginn für ein Spiel, dachte er sich.
Markus spielte für sein Leben gerne und kannte viele Geheimtipps und Spielempfehlungen, die sonst nur wenigen bekannt waren.
Schon vieles verrücktes hatte er gesehen, doch niemals würde er etwas dergleichen wieder erleben.
Er genoss es, bei seinen Computerspielen in das Geschehen einzutauchen. Man nannte ihn in der Schule oft verrückt, er sei ein Nerd, ein Computer-Süchtiger. Doch ihm war das schnuppe, sollten doch die Leute glauben was sie wollten.
Entgegen der Vermutungen seiner Klassenkameraden hatte er Freunde, viele sogar, nur keiner von diesen wohnte bei ihm in der Stadt. Viel mehr verteilten sie sich auf dem ganzen Globus. Doch sie alle teilten sein Interesse und das war Markus wichtiger.
Eines Nachts, es war bereits spät, erhielt er schließlich eine Nachricht, die ihn zuerst stutzig machte.
Niemand auf seiner Freundesliste war noch online, Markus versuchte viel mehr die Zeit tot zu schlagen. Doch schließlich blitzte etwas auf.
Four war online gekommen. Four, wer war das noch gleich? Markus konnte sich nicht erinnern, wer das war. Doch angesichts dass man ohne weiteres seinen Namen ändern konnte, wunderte er sich nicht sonderlich.
Four schrieb ihn etwas. Interessiert betrachtete er das blinkende „typing...“ am oberen Chatrand. Sicherlich war ihm genauso langweilig wie ihm.
Er tippte lange.
Dann erschien ein Link.
„Hatte der den nun mit Hand abgeschrieben?“, fragte sich Markus leise und schmunzelte etwas darüber. So etwas kann man doch kopieren.
„Was ist das?“, fragte Markus, doch ehe seine Nachricht ankam war sein Gesprächspartner wieder offline verschwunden.
Er überlegte. Sollte er darauf klicken? Markus kannte die ganzen Virenfallen und ihre Folgen.
Die verlinkte Seite sagte ihm garnichts. Sollte er den Fremden vertrauen? Auf der Anderen Seite stand er auf seiner Freundesliste, und Freunden sollte man doch vertrauen können, oder?
Er durchsuchte noch einmal das Netz, doch keine Suchmaschine wollte ihm eine Antwort geben.
Noch einmal schaute Markus in den Chat.
„Play it“, stand nun unter dem Link. Wann hatte er es geschickt? Eigentlich hätte Markus doch einen Ton gehört haben müssen als die Nachricht ankam, das hatte er doch so eingestellt.
Für Markus wurde es immer suspekter. Immerhin wusste er nun, dass es sich um ein Spiel handelte. Doch was für eins? Noch einmal studierte er den Link, fand aber keine Antwort.
Es war eine dieser Geheimempfehlungen anscheinend, irgendeine Beta-Veröffentlichung, bevor das Spiel richtig veröffentlicht wurde.
Und so übersah er seine Zweifel, während seine Maus auf die Schrift wanderte. Dann klickte er.

Es war ein direkter Downloadlink. Keine Website, keine Antwort auf die Frage, was es sei.
Die Datei hieß „404.exe“. Nur um sicher zu gehen speicherte Markus das Programm in einen Quarantäne-Ordner. Doch auch nach mehreren Scanns schien die Datei keine Viren zu beinhalten.
Die Uhr tickte in seinem Zimmer. Doch davon nahm er nur wenig durch seine dicken Kopfhörer wahr.
Es benötigte keine Installation, vielmehr tauchte es so schlagartig seinen Bildschirm in ein Schwarz, dass Markus erst dachte, sein Rechner sei abgestürzt.
Er probierte sämtliche ihn bekannte Tastenkombinationen aus um
den Computer wiederzubeleben. Doch es kam keine Reaktion.
Da hilft nur noch der Reset, dachte Markus sich, doch ehe er die Taste erreichte erschien schließlich eine verpixelte Schrift, die sich mehr und mehr schärfte.
„Want to play again? Y/N“, stand dort.
Markus lachte. Dieses Spiel musste wohl noch voller Bugs sein.
Er hatte noch kein Spiel gespielt, und dennoch glaubte die Software anscheinend das Gegenteil. Noch dazu diese längst veraltete Menüführung.
Markus drückte Y und enter.
Es sollte nicht weniger merkwürdig werden.
Das Spiel begann in einen Wald. Der Sound und die Grafik schienen wirklich gut und sehr aufwändig. Markus schaute sich um, betrachtete den Himmel durch die Bäume hindurch, wie das Licht diffus durch einen zarten Nebel glitt.
Es war doch sehr dunkel, doch eine Einstellmöglichkeit für den Gamma-Wert fand er nicht. Er fand überhaupt keine Einstellungsmöglichkeiten. „Naja, was solls“, dachte sich Markus und schritt los.
Das Laub knirschte unter seinen Füßen, ab und an trat er auf einen zerbrechenden Ast. Markus war sofort hin und weg, obgleich er noch keinen Sinn verstand.
Irgendwie kam ihn das alles doch sehr bekannt vor. War es eine Karte eines anderen Spieles?
Er war vielleicht 100m gegangen, als im Nebel eine Stimme ertönte.
Sie war weiblich, kratzig und schleierhaft und erklang verzerrt.
Alles was sie sagte war: „Ich sehe dich“
Markus blickte sich um, doch er war alleine.
Die Stimme ertönte erneut: „Ich sehe dich“
Ein Schaudern lief ihm über den Rücken. War die Stimme lauter geworden?
Noch einmal blickte er sich um, schaute auch in den Himmel und versuchte irgendwas zu sehen. Die Stimme hallte in der Ferne, sie schien wohl noch weit genug entfernt.
Es musste eines dieser Horrorgames sein, dachte sich Markus. Er war kein Fan solcher Spiele, doch angesichts der realistischen Grafik wollte er es sich diesmal nicht entgehen lassen.
Markus schritt tiefer in den Wald. Die Baumkronen schwangen im Wind mit. Auf einmal blieb er stehen.
Der Nebel nahm zu. War dies ein gutes Zeichen?
Seine Nackenhaare stellten sich auf. Dennoch schritt er weiter, hinein in den Nebel.
„Ich sehe dich“
Er bildete es sich wirklich nicht ein, die Stimme wurde tatsächlich lauter. Immer wieder schaute er sich um, in der Hoffnung Jemanden oder Irgendetwas zu erkennen. Doch alles was blieb war der Nebel und der Schatten der Bäume.
Er gelang an eine Weggabelung. Welchen Weg sollte er nehmen?
„Ich sehe dich“, hörte er wieder, die Stimme war lauter als je zuvor. Markus konnte nicht verleugnen wie die Panik in ihm aufstieg. Er blickte sich um, und diesmal wurde er fündig.
Am Ende eines der Wege stand etwas...vielmehr schwebte etwas. Es war noch weit entfernt, dennoch konnte er es gut erkennen.
Es handelte sich um eine Frau, komplett in weiß gehüllt. Ihre Haare waren weiß, hatten einen leichten Blaustich und standen zerzaust vom Kopf. Ihre Haut war grau und verblichen.
Sie hatte die Arme weit nach oben verbunden, vertrocknete Blutreste waren immer noch gut zu sehen. Und ihre Augen waren weit aufgerissen, während sie fieberhaft Markus fixierten.
„Ich sehe dich“
Kaum hatte sie das gesagt verschwand sie und tauchte unmittelbar ganze 200 Meter näher auf.
Markus tat das, was jeder gute Gamer in diesen Moment getan hätte. Er lief. Er lief um sein Leben.
Der Nebel wurde dichter und dichter, je näher die Gestalt zu kommen schien. Markus hatte sich für den zweiten Weg entschieden und hastete so schnell er konnte.
„Ich sehe dich“, ertönte es noch einmal. Die Stimme klang nun mehr nach einen Kreischen.
Markus drehte sich nicht um, sein Puls raste.
Vor ihm wurde es heller. Das Licht am Ende eines Tunnels?
„Ich sehe dich“,
Sie oder Es war weiterhin hinter ihm, das musste er sich eingestehen, als er sich umdrehte und die Gestalt nur wenige Meter hinter sich erblickte. Der Schock war so groß gewesen, dass Markus einen kurzen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.
Ihre Augen waren gläsern, in ihnen steckte kein Leben mehr.
Schließlich erreichte Markus den Ausgang des Waldes und landete auf einen Gehweg. Noch nahm er etwas Abstand, dann blickte er zurück in den Wald. Er lag still und unschuldig dort.
„Ich sehe dich“, ertönte es wieder.
Es war noch nicht vorbei. Die Gestalt war nicht weit von seiner Position hinter ihm aufgetaucht. Auch sie konnte den Wald wohl verlassen.
Die Flucht setzte sich fort.
Markus gab Fersengeld so schnell er es konnte. Einfach den Weg entlang, dachte er sich, er wird schon irgendwo hinführen.
Sein Puls hatte eine Maximalgrenze erreicht.
Ein warmes Licht schien irgendwo in der Ferne zu sein und schimmerte durch den dichter werdenden Nebel.
„Ich sehe dich“,
Markus hatte keine andere Wahl als zu laufen. Selbst der Asphalt hatte all seine Details bekommen, erklang und hallte bei all seinen Schritten.
Bald hatte er das Licht erreicht. Bald würde er wissen was dort ist.
Aus dem Nebel tauchte ein Haus auf und Markus gefror.
Es war nicht irgendein Haus...es war sein Haus.
Auf einmal hatte dieses Spiel nichts unterhaltsames mehr. Wer hatte dieses Spiel in die Welt gesetzt und warum kannte er sein Haus.
Werd nicht verrückt, redete er sich selbst ein, das kann unmöglich dein Haus sein. Es hat nur große Ähnlichkeiten.
„Ich sehe dich“. Er hatte keine Zeit zu verlieren.
Er versuchte in den Haupteingang, doch die Türe war verschlossen. Als er sich umdrehte stand das Wesen bereits an der Ecke der Straße und hatte ihn weiter mit seinen fanatischen Augen fixiert.
Schnell lief Markus um das Haus und in der Tat, der Keller ging zu öffnen.
Es wurde nur noch Abstruser.
Der Keller, der vor ihm lag, hatte den gleichen Aufbau wie seiner. Einen Moment nahm er Abstand von der Tastatur.
Wollte er dieses Spiel wirklich noch weiter spielen? Er ging zu einen der Lichtschalter. Sie funktionierten.
„Ich sehe dich“
Die Gestalt war im Türrahmen der Kellertüre aufgetaucht. Unter Panik vergaß Markus die Zusammenhänge schnell und rannte weiter. Bloß nicht erwischen lassen, dachte er sich, bloß nicht erwischen lassen. Den Weg kannte er hinaus aus den Keller.
So rannte er den Gang entlang und schließlich die Treppe hinauf. Er versuchte die Kellertreppe zu schließen, doch es ging nicht. So hastete er weiter die Treppen hinauf.
Von der Kreatur fehlte jede Spur. Auch nach einen gewissen Moment ertönte nicht noch einmal ihre Stimme. Markus beruhigte sich kein Stück weit. Weiter suchte er nach einer offenen Türe, doch die meisten waren verschlossen und führten zu einer Sackgasse.
Das Haus war aufgebaut wie sein eigenes. Er konnte es sich das einfach nicht erklären. Es war ein Alptraum.
Markus ging in den dritten Stock. So schritt er den Flur entlang, als er etwas hörte.
„Ich sehe dich“,
Am liebsten hätte Markus den Strom weggenommen. Doch er war längst im Spiel versunken, um an solche Wege zu denken.
Durch einen Spalt im Treppengeländer sah er sie sehen. Sie stand am Fuße der letzten Wendeltreppe.
Markus verlor keine Zeit und suchte nach einer offenen Türe. Er fand eine...und er wusste welche es war.
Er vernahm das Ticken einer Uhr von der anderen Seite der Türe.
Seine Hände wurden so zittrig wie noch nie in seinem Leben.
Er kannte das ticken nur zu gut.
Er kannte das Haus nur zu gut.
Langsam streifte er seine Kopfhörer ab.
Aus seinem Flur ertönte eine weibliche Stimme:
„Ich sehe dich“


Want to play again? Y/N
Von Daniel Trabitzsch

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