Die Hallen von Seis
Eintrag 1:
Seid
ihr jemals an einem Ort gewesen, der so bizarr war, dass er euch
süchtig gemacht hat, wieder dorthin zu reisen?
Wahrscheinlich
nicht. Und wenn doch, dann denkt ihr vielleicht an einen Jahrmarkt,
an einen besonderen Ort in der Natur, vielleicht an ein Stadtviertel,
in dem Nachts die Post abgeht.
Aber
ich rede nicht über solch einen Ort, ich bin mir fast sicher, dass
ich von keinem Ort dieser Erde spreche. Nein. Der Ort, von dem Ich
spreche, ist sogar fern ab all dem, was ich kenne. Und dennoch bin
ich ihm Tag für Tag nahe. Verführerisch nahe.
Als
ich das erste Mal dort gewesen bin hat es mich so schockiert, dass
ich gleich von dort geflohen bin.
Derzeit
mache ich Urlaub bei meiner Verwandtschaft in Perlycoat, einen
bezaubernden Städtchen mitten im Nirgendwo. Und mit bezaubernd meine
ich Öde. Ich nehme mir gerade eine Auszeit. In meinen Leben sind ein
paar Dinge passiert, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Wie auch
immer, hier in der Stadt ist nichts los. Schnell hatte ich begonnen,
mich zu langweilen. Und ist das einmal der Fall, beginnt man sich an
jede Attraktion zu klammern. So auch der Flohmarkt letzter Woche.
Der
Flohmarkt glich einer Mischung aus Sperrmüll und Garagenverkauf.
Dennoch waren alle Stände reichlich besucht! Alle, bis auf Einer.
Ein alter Mann hatte seine Waren auf einem billigen Stand verteilt, Gerümpel und Antiquitäten. Doch anders als alle anderen Stände interessierte sich keine Sau für sein Zeug.
Ein alter Mann hatte seine Waren auf einem billigen Stand verteilt, Gerümpel und Antiquitäten. Doch anders als alle anderen Stände interessierte sich keine Sau für sein Zeug.
Ich
kam gerade von der Bude gegenüber und hatte mir eine Bratwurst im
Brötchen gegönnt. Während ich sie aß, beobachtete ich den alten
Mann, der die Schultern hängen ließ und jeden vorbei gelaufenen
traurig entgegensah. Er war höheren Alters und es tat mir leid, ihn
so einsam dort stehen zu sehen. Also zuckte ich mit den Schultern:
Ein Blick und ein paar Worte könnten ja nicht schaden.
Aus
der Nähe betrachtet war es der reinste Krimskrams. Von Wäscheklammer
bis hin zu altem Geschirr: Von allem war etwas dabei, nur nichts
Nützliches.
Wir
kamen kurz ins Gespräch. Der Mann war direkt aber freundlich,
erzählte mir über all seine Waren eine kleine Geschichte und ich
heuchelte Interesse vor. Um den Mann und vor allem mein Gewissen zu
beruhigen, entschied ich mich für einen Regenmantel. Ich weiß es
klingt bescheuert, aber ich dachte mir dass dieser graue
Kunststoffponcho praktischer sei als ein Teller mit Katzenmotiv oder
der alten Uhr, der der Stundenzeiger fehlte.
Er bedankte sich und wollte mir noch mehr andrehen, doch da tat ich mich von Dannen.
Er bedankte sich und wollte mir noch mehr andrehen, doch da tat ich mich von Dannen.
Der
Regenmantel landete in einer Ecke meines Zimmers. Ich ärgerte mich,
auf den alten Mann hereingefallen zu sein. Es war sicher seine Masche
gewesen und ich bin auf ihn hinein gefallen.
Einen Moment seufzte ich, dann packte ich mir das Dingen und warf es über.
Der Mantel war schon seit einiger Zeit aus der Mode gekommen. Das Grau glänzte unnatürlich im surrenden Licht der Glühbirne. Ich seufzte und blickte aus dem Fenster, irgendwann würde der Herbst kommen, dann wäre mein Geld sinnvoll eingesetzt.
Damals ahnte ich jedoch noch nicht, welchen Schatz ich wirklich erworben hatte.
Einen Moment seufzte ich, dann packte ich mir das Dingen und warf es über.
Der Mantel war schon seit einiger Zeit aus der Mode gekommen. Das Grau glänzte unnatürlich im surrenden Licht der Glühbirne. Ich seufzte und blickte aus dem Fenster, irgendwann würde der Herbst kommen, dann wäre mein Geld sinnvoll eingesetzt.
Damals ahnte ich jedoch noch nicht, welchen Schatz ich wirklich erworben hatte.
Der
Mantel besaß insgesamt 4 Taschen, eine Außen an jeder Seite und je
zwei Innentaschen. Er hatte zum Glück die richtige Größe,
andernfalls hätte ich mich noch mehr geärgert.
Ich
ertastete etwas in der Brusttasche und holte ein gefaltetes Blatt
Papier zum Vorschein. In kritzeliger Handschrift waren einige Wörter
aufgeschrieben. Verwundert schaute ich auf die Schrift, konnte sie im
Licht aber nicht entschlüsseln. Es war keinesfalls ein beigelegter
Zettel, noch hatte ich nicht die Vermutung, dass es Waschanleitungen
oder ähnliches enthielt.
Unter meiner Schreibtischlampe war das entschlüsseln schon deutlich leichter. Die Schrift wirkte eilig geschrieben und war keinesfalls sauber. Hier und da waren Rechtschreibfehler, der Kugelschreiber wirkte eher schnell über das Blatt gejagt. Ich konzentrierte mich und las.
Unter meiner Schreibtischlampe war das entschlüsseln schon deutlich leichter. Die Schrift wirkte eilig geschrieben und war keinesfalls sauber. Hier und da waren Rechtschreibfehler, der Kugelschreiber wirkte eher schnell über das Blatt gejagt. Ich konzentrierte mich und las.
Die
Regeln:
- Die Methode ist immer die Gleiche, Start und Zielort können sich aber verändern.
- Der Mantel funktioniert nur, wenn er trocken ist und man sich auf dem Boden befindet. Vergesst diese Regel nie!
- Der Raum, in dem ihr startet, kann von jedem Punkt wieder sicher verlassen werden.
- Habt ihr den Raum eures Startes verlassen, so bleibt in den Hallen, bis ihr euer Ziel erreicht habt. Jeder andere Raum kann einen anderen Ort ansteuern, eure Rückkehr ist unwahrscheinlich.
- Wenn ihr Sie schreien hört, verschwindet.
- Suche die Einsamkeit, traue niemanden.
- Die Ap... werden.... ihr zulange in den Hallen des Seis...
Ich
gab mein Bestes, doch die siebte Regel blieb für mich
unverständlich. Große Wasserflecken hatten die Tinte von damals
fortgeschwemmt. Auch erkannte ich dunkle Flecken weiterer Regeln,
doch auch sie waren nichts mehr, als verblasste, dunkle Stellen auf
den sonst weißen Papier.
Eine
Neugierde stieg in mir auf, denn ich verstand kein Wort von dem, was
dort stand. Der Mantel wurde im Text erwähnt, es war also kein
Zufall, dass dieser Zettel sich in der Tasche befand. Und doch
verstand ich nichts.
Was
waren die Hallen des Seis? Die Hallen des Seismographen? Das war
zumindest das einzige Wort, das mir mit Seis zu Beginn einfiel. Aber
auch das machte absolut keinen Sinn. Regel 5 löste in mir ein
gewisses Unbehagen aus: „Wenn ihr Sie schreien hört,
verschwindet.“
Wer oder was war damit gemeint? Schreien bedeutete nur selten etwas Gutes. Doch anscheinend war der Mantel der Schlüssel. Das schloss ich aus Regel 2, auch wenn ich nicht verstehen konnte, für was der Mantel funktionieren musste und wie. Noch dazu fand ich es doch sehr idiotisch einen Regenmantel zu haben, der nur trocken funktionierte.
Wer oder was war damit gemeint? Schreien bedeutete nur selten etwas Gutes. Doch anscheinend war der Mantel der Schlüssel. Das schloss ich aus Regel 2, auch wenn ich nicht verstehen konnte, für was der Mantel funktionieren musste und wie. Noch dazu fand ich es doch sehr idiotisch einen Regenmantel zu haben, der nur trocken funktionierte.
Ich
durchsuchte den Mantel in jeder Tasche, tastete sogar das Gewebe ab.
Aber da war Nichts außer ein paar Fussel. Keine weiteren Hinweise,
kein Knopf oder so etwas. Nur der normale Stoff, wie jeder andere
Regenmantel auch sein könnte. Ich seufzte auf. War meine Flucht aus
dieser Langeweile etwa schon am Ende? Der Regenmantel lag
ausgebreitet vor mir. Ein einfacher, grauer Regenmantel aus
Kunstfasern, nur ärgerlich, dass keine Kapuze dabei war. Es kam mir
merkwürdig vor, einen Regenmantel nicht mit einer Kapuze
auszustatten. Und dann ging mir ein Licht auf:
Ich tastete den Kragen ab und entdeckte einen versteckten Klettverschluss. Es dauerte keine zwei Überlegungen, dann riss ich den Klettverschluss auf und rollte eine versteckte Kapuze aus dem Kragen aus. Ich durchsuchte die Kapuze sowie das neu entdeckte Fach, doch Beides enthielt nichts spektakuläres. Die Kapuze war aus dem selben Material wie der Rest des Regenmantels, im Fach befand sich ebenfalls Nichts.
Ich zog den Regenmantel an und blickte in mein Spiegelbild. Wenigstens würde mich der Mantel vor dem aufkommenden Herbstregen schützen.
Und dann zog ich die Kapuze über. Ich hätte schreien können, doch ich tat es nicht. Zu sehr erschrak ich und meine Stimme versagte.
Ich tastete den Kragen ab und entdeckte einen versteckten Klettverschluss. Es dauerte keine zwei Überlegungen, dann riss ich den Klettverschluss auf und rollte eine versteckte Kapuze aus dem Kragen aus. Ich durchsuchte die Kapuze sowie das neu entdeckte Fach, doch Beides enthielt nichts spektakuläres. Die Kapuze war aus dem selben Material wie der Rest des Regenmantels, im Fach befand sich ebenfalls Nichts.
Ich zog den Regenmantel an und blickte in mein Spiegelbild. Wenigstens würde mich der Mantel vor dem aufkommenden Herbstregen schützen.
Und dann zog ich die Kapuze über. Ich hätte schreien können, doch ich tat es nicht. Zu sehr erschrak ich und meine Stimme versagte.
Denn
in dem Moment, als die Kapuze richtig auf meinen Kopf lag, hatte ich
mein Zimmer verlassen. Ich hatte den Schreibtisch hinter mich
gelassen, das Haus, den Ort, die Welt. Ich glitt durch all diese
Dinge in solch einer kurzen Zeit, hätte ich geblinzelt, ich hätte
es nicht mitbekommen. Es war nicht wie eine Fortbewegung, ich spürte
keine Beschleunigung. Vielmehr war es wie als reiße die Wirklichkeit
vor meinen Augen auf und brachte zum Vorschein, was ich mir in meinen
kühnsten Vorstellungen nicht hätte vorstellen können.
Noch
nie hat mein Herz so gehämmert, wie in diesem Moment. Ich befand
mich inmitten eines quadratischen Raumes mit vier identischen Wänden,
alle Wände durchbrochen durch symmetrische Durchgänge, so penetrant
symmetrisch, es war wie als sehe ich in das Bild zweier
gegenüberliegender Spiegel. Eine unendlich scheinende Anzahl an
gleichen Räumen folgte auf diesen. Ich kannte diesen Ort keineswegs,
doch was mich wirklich schockierte, war das Aussehen dieser Welt:
Es
war wie als gäbe es kein Licht, als exzisiere es hier einfach nicht.
Keine Farben waren zu erkennen, stattdessen glimmten die Kanten hell
auf, als seien sie von zittrigen Händen gemalt. Der Rest erschien
beinahe in einem gleich tonigen, dunklen Grau. Die Luft war kühl,
geruchlos und abgestanden. Diese Räume hatten eine förmliche
Sterilität an sich, als hätte nie ein Mensch einen Fuß in sie
gewagt. Als hätte Leben nie einen Fuß in sie gewagt. Jede meiner
Zellen spürte, dass ich etwas verbotenes getan hatte.
Ich
riss mir schwer atmend die Kapuze vom Kopf und fiel auf meine Knie.
Da war ich wieder, in meiner Realität, in dem vertrauten Haus, in
meinen Zimmer, direkt vor dem Spiegel. Mein bleiches Spiegelbild
musterte mich mit großen, schockierten Blicken, während es sich
selbst abtastete. Die Glühbirne leuchtete immer noch, mein
Schreibtisch sah aus wie ich ihn verlassen hatte, die Uhr tickte
unvermindert weiter. Nichts schien sich verändert zu haben. Nichts
außer ich selbst, der nun Schweiß gebadet auf seinen Teppich kniete
und nicht verstand, was er gesehen hatte.
Die
ganze Nacht lang fand ich keinen Schlaf. Ich versuchte das Gesehene
als reine Phantasie, als Wahnvorstellung abzustempeln. Aber es ging
nicht. Mein Verstand grub nach einer logischen Antwort, die es nicht
zu geben schien. Und noch etwas machte sich in meinem Bewusstsein
breit: Das Verlangen, es wieder zu erleben.
Am
nächsten Morgen hatte ich eine Entscheidung getroffen. So packte ich
den Regenmantel, den ich in eine Ecke gepfeffert hatte und hing ihn
ordentlich auf. Ich werde die Hallen des Seis oder wie man sie auch
immer nannte weiter untersuchen. Aus diesem Zweck legte ich dieses
Buch an: Es ist weniger ein Tagebuch als Aufzeichnungen über meine
Reisen ins Ungewisse.
von Daniel Trabitzsch